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Teil 1: Humor in der Musik
TK: Das erste Thema dieses Interviews soll die Rolle des Humors in der Musik sein. Sie haben vorhin erwähnt, Musik müsse immer auch ein spielerisches Element haben...
BS: Damit meinte ich, daß die Musik auf jeden Fall - auch wenn sie etwas Ernstes ausdrückt - eine gewisse spielerische Eleganz haben kann und soll. Es muß ja nicht immer gleich Humor in dem Sinn sein, daß man irrsinnig darüber lacht oder wegen jedem Schmarrn in homerisches Gelächter ausbricht, sondern die Musik sollte insgesamt mit einer spielerischen Eleganz gemacht werden. Das betrifft auch die Art, die Musik zu interpretieren, damit auch die Freude am Ausdruck dem Zuhörer eine gewisse Freude vermittelt, also nicht nur der direkte Inhalt, sondern auch die Art, ihn weiterzugeben. Das ist meine Auffassung, und ich glaube, daß es dafür sehr viele Beispiele auch in der traditionellen Literatur gibt, z.B. bei den Wiener Klassikern, oder auch in der Unterhaltungsmusik des 19.Jahrhunderts, wo sich dann die Unterhaltungsmusik von der sogenannten ernsten Musik abgespaltet hat.
TK: Humor ist ein kommunikatives Element, das etwas mitteilt, und bedingt eine gewisse Einstellung zur Musik. Stellt er nicht unter anderem auch ein Mittel dar, musikalische und andere Normen in Frage zu stellen?
BS: Sicher. Wenn man zum Beispiel einen festen Gegenstand verfremdet - und das "in Frage stellen" bedeutet ja, einen verfremdenden Aspekt hinzuzunehmen - wird eine Karikatur daraus oder etwas ähnliches, und das kann eigentlich die Sache sehr gut treffen. Man kann der Wahrheit auf diese Weise viel näher kommen, wenn man gewisse Dinge ein bißchen übertreibt und die unwesentlichen Dinge dafür wegläßt... So entsteht eine Verfremdung, eine Karikatur, und die reizt ja irgendwie zur Heiterkeit.
TK: Wie eine Karikatur, die einen Menschen besser beschreibt als ein Gemälde?
BS: Ja, absolut.
TK: Ein wichtiger Aspekt ist ja auch, daß der Humor die Phantasie des Zuhörers anregt, dadurch wird seine Aufmerksamkeit erregt.
BS: Sicher. Ich glaube, daß Verfremdung und Humor ganz wichtige Kunstmittel sind, nicht nur in der Musik, sondern überhaupt, schauen Sie zum Beispiel: [zeigt Karikaturen von sich, die in seinem Arbeitszimmer in Wilhering an der Wand hängen] Ich finde, daß solche Dinge ganz wichtig sind.
TK: Hier habe ich ein Zitat von ihnen gefunden [aus: Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek / Institut für Österreichische Musikdokumentation, Musikalische Dokumentation Balduin Sulzer (Wien 1995) S.12]: "Programme müssen intelligent gestört werden." Was ist das Programm Ihres "Benedicamus Domino" [op. 95a]? Oder wird hier überhaupt ein Programm gestört?
BS: Es wird dauernd etwas gestört. Die erste Störung ist schon, daß das "Benedicamus" in der traditionellen Sichtart ja ein ausgesprochen geistliches Programm ist, also sehr ernsthaft. Im Normalfall wird es auch völlig ernst behandelt. Ich glaube, daß der erste Störfall schon dadurch gegeben ist, daß daraus mehr oder minder eine Tanzmusik gemacht wird.
TK: Durch den Rhythmus?
BS: Ja, und das ist der erste Störfall. Ich weiß jetzt aber nicht, wie weit bei diesem Stück ein gestörtes Programm zum Ausdruck kommt, weil ja das Programm an sich schon eine Störung sein soll.
TK: Das heißt, das Programm ist an sich schon eine Störung?
BS: Eine Störung der Tradition.
TK: Worin besteht die Tradition des "Benedicamus"?
BS: An sich ist das eine gregorianische Floskel (singt: Benedicamus Domino, Deo gratias, alleluja) ...so etwas ähnliches, die machen da ja ganz andere Dinge.
TK: Mir erscheint das "Benedicamus" wie ein Wettstreit der Lobpreisung - vor allem im Zwischenspiel mit den extremen Staccato - Passagen. Ist es tatsächlich so etwas wie ein ironischer Wettstreit?
BS: Ja, es sind einfach zwei lustige Sängerinnen, die da wetteifern, Purzelbäume zu schlagen... das ist das konzertante Element von lateinisch "concertare" - wettstreiten. Das konzertante Prinzip bringt ja vor allem die Möglichkeit, virtuose Element einzubringen - immer fordert einer den anderen heraus, noch mehr zu leisten.
TK: ...und sie schaukeln sich gegenseitig auf.
BS: Ja.
TK: Eine provokante Frage: Gehört der Humor in die Kirchenmusik? Ist das "Benedicamus" Kirchenmusik oder ein gestörtes Programm?
BS: (verweist auf Artikel im Lexikon der Spiritualität) Es gab auch schon in der althergebrachten Kirchenmusik - z.B. bei Mozart oder in Bach - Kantaten - lustige Elemente, z.B. italienische und französische Tanzelemente aus der damaligen Zeit.
TK: Sie haben einmal auf die Divertimento - Elemente im Requiem von Mozart hingewiesen. [vgl. P. Franz Ketter (Hg.), Balduin Sulzer 60. Dem Musiker und Lehrer gewidmet von Freunden und Schülern (Linz 1992) S.45]
BS: Ja, das habe ich auch einmal irgendwo geäußert... da wird man dann immer bekämpft... Wenn man sich den Instrumentalpart vom Mozart-Requiem anschaut, also die Geigenstimmen für sich, oder wenn man die erste Geige spielen läßt - man merkt das dann sehr stark bei den Proben - , das ist geradezu Feuerwerks- oder Springbrunnen-artig. Speziell wie im Dies Irae die Geigenfiguren herumtanzen und herumsprühen - es sprüht alles. Wenn also bei einem so ernsten Inhalt, wo es um Hölle und Teufel geht, die Geigenfigur zu sprühen anfängt, so bildet das einen wahnsinnigen Kontrast. Und insofern tritt wieder genau das ein, was Sie woanders gelesen haben, daß eine Norm...
TK: ...intelligent gestört wird...
BS: ...kontrapunktiert wird. Unter Stören verstehe ich eher nicht, daß die Norm abgemurkst wird, sondern daß sie kontrapunktiert wird, daß man mit dem Gegenteil besser klarmachen kann, was man sagen will. Wenn man jemandem etwas bestimmtes erklären will, ist es auch eine gute Methode, wenn man zuerst sagt, wie es gehört, und dann, wie es nicht gehört, also recht drastisch das Gegenteil davon. Ich finde, daß das ein irrsinnig wichtiges Kunstmittel ist.
TK: Wenn man aber salopp behaupten würde, das Requiem sei "lustig", hätte man sicher die meisten Kritiker gegen sich.
BS: So kann man es auch nicht sagen.
TK: Eher differenzierter.
BS: Ja. Aber es sind Elemente drinnen, die kann man als "lustig" bezeichnen, und zwar immer besonders an den Stellen, wo es eigentlich um sehr tragische Sachen geht.
TK: Ist der Humor also auch ein Mittel, Dinge, die sich kaum ausdrücken lassen, annähernd doch zu beschreiben? Muß man die "letzten Dinge" vielleicht mit Humor ausdrücken?
BS: Ich glaube schon. Humor verlangt ein gewisses "darüberstehen". Leute, die auch über sich selbst lachen können, sind meistens schon etwas über die Pubertät hinaus... die sich selbst als Trottel bezeichnen können, ohne sich dadurch etwas zu vergeben. Echter Humor ist auch ein Zeichen von Reife. Und man muß sehr lange daran arbeiten und sehr lange warten und vieles wachsen lassen, um sich einen Überblick zu verschaffen, so daß man zu einem echten Humor kommen kann ...ich habe versucht, zu behaupten, daß man Humor "wahrscheinlich gezielt" auch komponieren kann. Ehrlich gesagt mache ich das nicht immer, sondern Humor ist eine Grundeinstellung - als eine Art von distanzierter Einstellung zu den Dingen, daß man so ein bisserl drüber steht, und über Dinge, die auch weh tun können, eigentlich lachen kann, auch wenn es einen selbst betrifft. Der Humor ist also quasi eine Grundstellung, aus der heraus man dann künstlerisch gestalten kann, egal ob man dichtet oder malt oder komponiert.
TK: Ist also der Humor so etwas wie ein inspirierendes Element im Hintergrund?
BS: Er sollte insofern vorhanden sein, als derjenige, der komponiert oder dichtet eine gewisse Distanz zu den Dingen braucht.
TK: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Humor und Objektivität? Könnte man sagen: je krasser der Humor, desto objektiver, weil distanzierter? Wird dadurch die Musik "abstrakter", also weniger "esoterisch" (und subjektiv)?
BS: Jeder Kunstausdruck ist auch ein bißchen autobiographisch, sonst verlöre die Kunst ja ihre Eigenart und Persönlichkeit. Es ist immer eine Spur Autobiographie dabei. Nur wenn die Autobiographie Tagebuch - artig ist, dann ist es ein Blödsinn, denn das geht niemanden etwas an und interessiert auch keinen.
TK: ...z.B. "heute bin ich mit dem linken Fuß aufgestanden, also fange ich mit dem Fis an..."
BS: Aber was gewisse Grundhaltungen zu verschiedenen Problemen betrifft, kann der Künstler natürlich nicht aus seiner Person heraus, er wird also immer die gleichen Lösungsansätze haben und wird sich auch immer in einer sehr ähnlichen Form darüber äußern, egal, wer das ist. Und wenn ein Komponist dazu neigt, die Dinge eher leicht zu nehmen, so wird eine gewisse Art von Humor wahrscheinlich da sein.
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